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Ich über mich
Warum ein Einzelkind Geschichten schreibt


Von Anfang an war ich ganz groß im Freunde erfinden, ich war Weltmeisterin im Mich beschäftigen, war Fädchenspielerin und konnte Gras wachsen hören, ich hatte das berühmte scharfe Aug vom Gossenwasser, und die Hälfte meiner erinnerten Kindheit habe ich unter Tischen gehockt, um mitzuhören und zu lernen aus welchem Stoff die Welt gemacht ist. Denn davon redeten sie ja, die oben über der Tischplatte die Köpfe zusammensteckten. Wunderbar, dass da kein anderes Kind war, das mit mir spielen wollte, wie hätte ich sonst erfahren sollen, das der Durchschnittsweltstoff Kartoffelsackleinen und die Sprache ein Weltorchester ist.

Das fing schon mit den Namen an. Ach, wie sie alle hießen: Tante Alma und Tante Luise und Onkel Ewald und Zisska und Änne…und dass sie das kleinste und schärfste Messer Hümmelken nannten Das Wort »Hümmelchen« stammt vermutlich vom niederdeutschen Wort »hämeln, humeln«, was »stutzen« bedeutet.

Der Schraubenschlüssel hieß Franzose! Ein Franzose ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen verstellbaren Schraubenschlüssel. Das lernte ich schon früh, denn in der Werkstatt meines Großvaters war ich der jüngste und einzige Lehrling denn Gottseidank war da niemand, der mit mir spielen wollte. Den Franzosen mit einem Engländer zu verwechseln, konnte das vorzeitige Ende des Lehrvertrages bedeuten, denn den Engländer konnte man nur einseitig benutzen.

Den Hintern nannten sie Furt.

Als Furt bezeichnet man eine Untiefe in einem Bach- oder Flusslauf, an der das Gewässer zu Fuß oder mit Fahrzeugen durchquert werden kann. Furten in Flüssen sind oft schon von alters her bekannt. An solchen Stellen entstanden, besonders im Mittelalter, zahlreiche Städte und Orte, vor allem auch weil an den hier verlaufenden Handelswegen mitunter Zölle erhoben werden konnten.

Wenn sie ins Kino gingen, sagten sie sie würden im Nachbardorf Brechten die Wolken schieben, sagten es, damit ich ruhig schlafen konnte, in Erwartung eines Sonnentages, der ja morgen kommen würde, denn im Wolkenschieben waren sie einsame Spitze. Und Gottseidank war da kein großer Bruder, der mich aufgeklärt hätte. Sie gingen einmal in der Woche Wolkenschieben und Tante Menniken hatte den Wohnungsschlüssel, um nach mir zu sehen.

Na, du alte Möhne! begrüßte sie mich mittags, wenn ich aus dem Kindergarten kam. Wieder so ein Wort: alte Möhne!! Das Wort »Möhne« kommt von »Muhme« und bezeichnete im westmitteldeutschen Sprachraum bis etwa 1880 eine weibliche Verwandte von Mutterseite. Vielfach verstand man aber auch unter einer Möhne eine ältere verheiratete Frau in dunkler Kleidung mit Kopfbedeckung. Erst später bezeichnete dieser Begriff die Frauen, die an Weiberfastnacht das Regiment in den Städten und Dörfern übernahmen.

Die Orte meiner Einzelkindheit waren gespickt mit Zauberwörtern, diesen undurchsichtigen Klangbildern, die ich allein nicht ergründen konnte, und die mich deshalb von Anfang an elektrisiert haben.



Warum ich Gedichte schreibe


Gedichte sind Momentaufnahmen, Schnappschüsse der Gemütsverfassung.

Gedichte sind der schnellste Weg, um Ordnung in die Seele zu bringen.

Gedichte zwingen das Chaos in Formen. Verblüffend ist, wie viel Weitsicht solche Seelenbilder zeigen: das was ich nicht glaubte zu wissen, steht plötzlich auf dem Papier…

Gedichte brauchen nicht den Umweg der Geschichte. Nichts muss verkleidet werden und alles hat Struktur.

Aber warum ich Gedichte schreibe, weiß ich nicht. Da ist eine Zeile, da ist ein Rhythmus, da ist eine Melodie in meinem Kopf, da sind Bilder, die ich schneller nicht fassen kann.

Als ich Kind war hat meine Mutter mir abends Balladen aufgesagt. Der Knabe im Moor, der Erlkönig… oder sie sang: das Lied von den Königskindern, die nicht zueinander konnten.

Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos warfen ein Gardinenmuster an die Zimmerwand und ich war Erlkönigs Tochter und krankes Kind. Ich zitterte mit dem Knaben im Moor und weinte heiße Tränen ums verlorene Glück der Königskinder… Aber warum ich Gedichte schreibe, weiß ich nicht.



Wachsen Rosen unterm Schnee?

oder
Frau Richter wo bleibt denn das Positive?



Geschichten sind Botschaften, und Autoren werfen diese Botschaften wie eine Flaschenpost ins Meer, nicht wissend, an welchem Ufer unsere Botschaften stranden, aber hoffend, dass – wer immer sie liest – die Botschaft versteht.

Es macht uns zum Menschen, dass wir im Worthaus wohnen. Denn die Wörter sind es ja, die mich auch mit meinen Lesern verbinden. Jeder Mensch, dem sich die Buchstaben erschließen, hat den Schlüssel zum Worthaus gefunden. Er kann es betreten. Er kann durch die Räume gehen. Und in den tausend und abertausend Zimmern dieses Hauses wohnen die Antworten auf all unsere Fragen. Das ist das Abenteuer des Lesens, die Antworten auf die Fragen zu finden.

Mit meinem Schreiben jedoch will ich nur eine Frage ergründen. Ich habe sie bisher in fast allen meinen Büchern gestellt, sie ist der Antrieb meiner Arbeit, und ich glaube, diese Frage ist letztlich eine der Grundfragen jeglicher Literatur. Sie lautet:

Wachsen Rosen unterm Schnee?

Um diese Frage beantworten zu können, muss ich zunächst den Schnee beschreiben. Die Kälte, die Unbehaustheit und das Alleingelassen sein, den Schrecken, mit dem wir leben. Davor kann ich meine jungen Leser nicht schützen, auch wenn besorgte Pädagogen das häufig von mir verlangen.



Anfänge


Dass der erste Satz der schwerste Satz ist gilt für Briefe, Schulaufsätze und literarische Texte gleichermaßen. Denn der erste Satz ist der Türöffner der Geschichte, die erzählt werden will. Das heißt eigentlich sind es die ersten fünf Sätze, in denen sich entscheidet, ob eine Geschichte langweilig oder spannend ist. Kinder fragen mich oft, wie das geht, so ein Buch schreiben und immer wieder antworte ich, dass es der erste Satz ist an dem alles hängt, dass es deshalb so lange dauert, bis der erste Satz sitzt, dass es manchmal so sein kann, dass ich nur eines ersten Satzes wegen eine Geschichte schreibe, dass ich erste Sätze deshalb sammele.

Es gibt auch gute Tage. (Hinter dem Bahnhof liegt das Meer)

Es war so ein Sommer der nicht aufhört. (Hechtsommer)

In unserer Straße wohnte eine alte weiße Katze. (Die Katze)

Was machst du da, fragte der Hund. (Der Hund mit dem gelben Herzen)

Er hieß Rainer und wohnte in der Wohnung über uns. (Der Tag als ich lernte die Spinnen zu zähmen)

Manchmal spricht Adam auch mit dem Mond. (Der Anfang von Allem)

Mein erster Engel hieß Onkel Reher und verkaufte Wundertüten. (Einmal wohnte ich in einem Schuhkarton)


Das sind nur einige erste Sätze, aus denen ich Geschichten entwickelt habe.

Andere erste Sätze sind mir nie aus dem Kopf gegangen. Brigitte Reimanns Anfang von »Franziska Linkerhand«:
Ben, ach Ben, wo bist du gewesen all die lange Zeit?

Oder der Anfang eines Weltepos, der Bibel nämlich, in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig.
Im Anfang war Irrsal und Wirrsal, Finsternis lag über Urwirbels Antlitz.

Oder der Anfang von Brechts »Vier Männer und ein Pokerspiel«:
Sie saßen auf Korbstühlen in Havanna und vergaßen die Welt.

Oder
Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen. (Uwe Johnson, »Mutmaßungen über Jakob«)

Oder
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. (Franz Kafka, »Die Verwandlung«)

Nach solchen Sätzen muss man einfach weiterlesen!


Kleines Spinnenlexikon


Freunde sind wie Geschichten. Sie verstehen mich, sie trösten mich, sie widersprechen mir und sie lassen mich nicht allein.

Am-Rand-Stehen

Ist ein Gefühl, gegen das du selbst kaum etwas tun kannst. Am-Rand-Stehen macht dich sehnsüchtig, traurig und schließlich wütend. Der Furchendackel ist ein Am-Rand- Steher, einer, der anders ist, einer, den die anderen nicht leiden können. Ich kenne das Gefühl, weil ich auch oft am Rand gestanden habe.
Steine werfen konnte ich nicht. Aber Geschichten schreiben …denn wer am Rand steht, sieht mehr als die, die immer mitten drin sind, und das ist ein Trost!

Freunde (echte)

Das sind die Leute, die zu dir halten, auch wenn du in der Nase popelst und abgekaute Fingernägel hast. Freunde brüllen dich an, wenn du Mist baust. Freunde kitzeln dich durch, wenn du schlapp bist und schlechte Laune hast. Freunde verraten dir, wie man die Spinnen zähmt, wenn du dich vor Spinnen fürchtest.

Sauber-Männer

Sind so langweilig. Ich kann sie kaum beschreiben, weil sie immer das tun, was die anderen tun. Wenn die anderen sagen, die Sonne ist grün, sagen die Saubermänner das auch, selbst wenn sie es besser wissen. Und das Gefährliche ist: Sie glauben am Ende, dass es wahr ist, was sie sagen.

Rückgrat

Dieses Wort habe ich immer falsch geschrieben.
Denn in der Schule hatte ich gelernt, wie man sich wegduckt. Dazu musste man den Kopf einziehen und den Rücken ganz krumm machen. Ich glaubte deshalb, es hieße Rückrad … Gut, dass das nicht so ist!

Verrat

Zum Verräter wirst du leicht, besonders wenn du glaubst, du hättest ein »Rückrad«.
Zum Verräter wirst du nämlich, weil du Angst hast. Angst vor dem Alleinsein, Angst vor dem Anderssein, Angst am Rand zu stehen. Das Traurige an einem Verrat ist, dass du ihn nie vergessen kannst …denn auch wenn alle anderen sagen: Die Sonne ist grün,du weißt ja, dass es nicht so ist!

Spinnen

Als ich klein war, hatte ich große Angst vor Spinnen. Ich glaubte, sie würden mich im Schlaf einspinnen wie die kleinen Fliegen im Spinnennetz. Mein bester Freund hat mir damals gezeigt, wie man die Angst besiegen kann. Er hat gesagt: Das, wovor man Angst hat, muss man anschauen und anfassen. Dann geht die Angst weg! Und das gilt nicht nur für Spinnen.

Freiheit

Es gibt eine Freiheit, das ist die Freiheit, Nein zu sagen. Dazu gehört Mut, denn Ja sagen ist viel leichter. Aber eins weiß ich ganz genau: Mutig sein kann man üben! Und es lohnt sich!


Die Illustrationen auf dieser Seite stammen von Jutta Richter.

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